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"Frueher, vor dem Krieg, war alles
viel besser"
Ein Bericht von Barbara Derler (http://www35.kfunigraz.ac.at/)
Reisebericht, Juni 2001
Dubrovnik, die "Perle der Adria", Unesco
Weltkulturerbe, Meer, Sonne und dalmatinische Küche.
Urlaubsstimmung sollte sich Mitte Juni in der Stadt breit
machen, die Hochsaison könnte beginnen - alle warten
hier darauf. Das mediterrane Stadtbild, die chique
gekleideten Leute - alles scheint so, wie es der Fremdenführer
versprochen hatte. Diese Eindrücke wirken aber nur an
der Oberfläche unbeschwert und schön. Unter den 47 000
EinwohnerInnen finden sich 10.000 Arbeitslose,
Kriegsinvaliden, RentnerInnen, die auf die Auszahlungen
ihrer Pensionen warten, eine verarmte Mittelschicht,
Jugendliche ohne wirkliche Zukunftsperspektive und ein
paar wenige Neureiche, wovon sich manche ihren Reichtum
in den letzten 10 Jahren auf illegale Weise "erarbeitet"
hatten.
10 Jahre nach dem Krieg, der in der Region Dubrovnik im
Intensivsten von Herbst 1991 bis Juli 1992 wütete,
scheint nichts mehr so zu sein wie früher. Die
Verteidigung der Stadt im von PatriotInnen bezeichneten
"Vaterländischen Krieg" kostete hier 92
ZivilistInnen und 129 Soldaten das Leben, und lies die
Bevölkerung monatelang ohne Wasser und Strom ausharren.
Ein Drittel der Bausubstanz der historischen Altstadt
wurde zerstört und schnitt Dubrovnik damit vom
Lebensnerv Tourismus ab - dies ist eigentlich noch bis
jetzt spürbar. Heute kämpft die Stadt auf einer anderen
Ebene, nämlich um jeden einzelnen Touristinen.
"Nichts ist mehr wie vor dem Krieg" ist die
Hauptaussage in den Gesprächen mit der einheimischen Bevölkerung.
Besuchten vor den Krieg an guten Tagen 50.000 bis 60.000
Leute täglich die Stadt, so beläuft sich heute die
Ziffer auf ungefähr 6000 TouristInnen, meist aus Ungarn,
Polen und Tschechien, die aber für die Stadt nicht
wirklich devisenbringende Gäste sind. Dubrovnik 2001
bedeutet 2 Monate Hochsaison, 10 Monate Depression. Und
in diesen 2 Monaten muss das ganze Geld für das
restliche Jahr eingearbeitet werden. Das setzt die Bevölkerung
natürlich enorm unter Druck und lässt sie unruhig
werden, wenn - so wie dieses Jahr - schon viele
Schlechtwettertage zu verzeichnen waren.
Mittwoch Abend, ein gewöhnlicher Wochentag in der
Vorsaison. Zeljko hat, nachdem er über 10 Jahre in einem
großen Lokal gearbeitet hatte, vor 2 Jahren den Sprung
ins kalte Wasser gewagt, und sein eigenes Speiselokal eröffnet.
Das Geschäft läuft nur ein halbes Monat gut, nämlich
von Mitte Juli bis Anfang August, davor und danach
verirren sich nur vereinzelt TouristInnen, meist auch nur
zur Mittagszeit, in sein Restaurant. Aber Zeljko hat eine
Beschäftigung, auch wenn er keinen Gewinn dabei macht.
Abends ist er oft der einzige, der mit seiner Kellnerin
an den einladenden und schön gedeckten Tischen sitzt -
und WARTET. Die Hauptbeschäftigung der Leute hier ist
WARTEN. Warten, auf bessere Zeiten - konkret, auf
TouristInnen und ausländisches Geld. Aber die Stadt könnte
momentan gar nicht mehr BesucherInnen aufnehmen, wurden
doch die größten Hotels Belvedere, Libertas und Palace
im Krieg zerstört und bis heute nicht mehr aufgebaut. -
50% der Bettenkapazitäten gingen damit verloren.
Dubrovnik ist aber auf den Tourismus angewiesen, was auch
sonst, gibt es in dieser Gegend hier doch keine
Landwirtschaft oder Industrie. Die Warenpreise sind
dementsprechend hoch, da alles von weit her transportiert
werden muss, und liegen oft über den österreichischen
Durchschnitt. Die Einheimischen können sich dieses Leben
nur leisten, indem ihre Familiennetzwerke stark ausgebaut
sind. Das elterliche Haus wird erst dann verlassen, wenn
man heiratet, eine eigene Wohnung wäre bei einem
Durchschnittseinkommen von etwa 3000 ATS nicht
finanzierbar, kostet doch eine 50 qm Wohnung etwa das
gleiche.
Und das Alltagsleben? Frustration pur? Scheinbar nein,
denn da gibt es ja noch so etwas wie den Dubrovniker
Lebensstil, auf den die Leute hier mächtig stolz sind.
Die DubrovnikerInnen fühlen sich, aufgrund der
bedeutenden Vergangenheit ihrer Stadt, als etwas
Besonderes, distanzieren sich auch vom übrigen Kroatien
- vom "Balkan" erst gar nicht zu sprechen, und
geben sich betont "dubrovnikerisch": Eine
Mischung aus mediterraner Langsamkeit und westlicher
Konsumorientiertheit, gepaart mit der dubrovniker
Diplomatie, lässt die Einheimischen "europäische
Hoffnungen" erwecken.
Sandra ist Fremdenführerin in der Altstadt. Auch sie
ist, wie die meisten jungen Frauen hier, nach der
neuesten Mode gekleidet - irgendwie muss man ja seinen
Chancen am Heiratsmarkt vergrößern, denn Ausbildungsplätze
gibt es in der Stadt wenige, und so stellt gerade für
Frauen eine Heirat eine finanzielle Absicherung dar. Mit
ihrer Clique trifft sich Sandra jeden Tag - zum Spaß
haben. Das für den mediterranen Raum so typische
Flanieren wurde in Dubrovnik zur Hauptfreizeitbeschäftigung
erkoren. Dies ist speziell für die jungen Leute eine
willkommene Lösung, denn sie sind die eigentliche "lost
generation": keine Ausbildung, die durch den Krieg
verarmten Eltern sind keine Vorbilder (Was haben sie
schon erreicht?), der Westen ist für die meisten nur in
Form von TouristInnen erlebbar. Sandra liebt Dubrovnik,
sie mag ihrer Arbeit - die sich auf ein paar Stunden pro
Tag beschränkt - sie mag gezwungenermaßen daher auch
die TouristInnen. Freundschaft wird hier groß
geschrieben, und die FreundInnen auf ein Getränk
einladen - das ist hier selbstverständlich, auch wenn
dann eigentlich kein Geld mehr für andere Dinge übrig
bleibt. Wozu auch sparen, für welche Zukunft?
Der dubrovniker "way of life" - nach so einem
Leben sehnen sich so manch gestresste TouristInnen, die
hier allesamt von dieser Szenerie aus Menschen und
Architektur begeistert sind. Dieses scheinbar
unbeschwerte Lebensgefühl ist aber eben nur an der
Oberfläche schön, und auch daraus entstanden, dass die
Leute einfach aus der Not eine Tugend machten. Die Bevölkerung
hat sich ihre eigenen Bewältigungsstrategien in der
Krise zurecht gelegt: am Stradun flanieren, die Familie
ausführen, sich in den modischsten Trends zeigen - sehen
und gesehen werden um zu vergessen, das Warten zu überbrücken.
In dieser Stimmung verdrängen die Leute für kurze Zeit,
dass sie keine Arbeit haben, dass der Lebensstandard in
den letzten 10 Jahren gesunken ist, und dass es in Bezug
auf den Krieg noch vieles aufzuarbeiten gilt.
Es ist Sonntag. Wie jede Woche marschiert die örtliche
Blasmusikkappelle auf und gibt ihr Bestes - aber eben
nicht nur für die TouristInnen. Das Wetter ist wieder
schön, in Zeljkos Lokal haben sich einige Gäste
eingefunden, Sandra läuft mit einer TouristInnengruppe
gestresst durch die Altstadt. Das Leben nimmt seinen Lauf.
Und von einem vorbeilaufenden Fremdenführer vernehme ich
wieder: "Aber früher, vor dem Krieg, da war alles
viel
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